Warum ein niedriger Arbeitspreis nicht automatisch der günstigere Tarif ist
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Ein Stromtarif hat zwei Preisbestandteile: den Arbeitspreis je Kilowattstunde und den Grundpreis, der unabhängig vom Verbrauch anfällt. Wer nur auf den Arbeitspreis achtet, sieht nur die eine Hälfte der Rechnung. Welcher Tarif günstiger ist, zeigt sich erst bei den Gesamtjahreskosten, und die hängen vom eigenen Verbrauch ab.
In Tarifübersichten steht der Arbeitspreis meist groß und vorn: 32,9 Cent, 34,5 Cent, 36,0 Cent. Der Grundpreis folgt kleiner, oft als Monatsbetrag. Diese Darstellung ist nicht falsch, aber sie lenkt den Blick auf die Zahl, die je nach Verbrauch weniger aussagt, als es scheint. Ein Tarif mit dem niedrigsten Arbeitspreis kann am Jahresende teurer sein als ein Tarif mit ein paar Cent mehr, wenn der Grundpreis deutlich höher liegt.
Zwei Preise, eine Rechnung
Vereinfacht setzen sich die Jahreskosten für Strom so zusammen: Verbrauch in Kilowattstunden mal Arbeitspreis, plus Grundpreis. Der Arbeitspreis ist der variable Teil. Er wächst mit jeder verbrauchten Kilowattstunde. Der Grundpreis ist der feste Teil. Er fällt an, ob der Haushalt 1.000 oder 6.000 Kilowattstunden verbraucht, und deckt aus Sicht des Lieferanten Kosten wie Abrechnung, Messung und einen Teil der Netzkosten ab.
Weil der eine Teil mit dem Verbrauch wächst und der andere nicht, verschiebt sich das Gewicht der beiden Bestandteile je nach Haushalt. Bei kleinem Verbrauch macht der Grundpreis einen großen Anteil der Rechnung aus. Bei großem Verbrauch schrumpft sein Anteil, und der Arbeitspreis bestimmt fast alles. Genau deshalb kann derselbe Tarif für den einen Haushalt die günstigste Wahl sein und für den anderen nicht.
Warum der Grundpreis so leicht untergeht
Der Grundpreis wird häufig pro Monat angegeben, der Arbeitspreis pro Kilowattstunde. Beides sind kleine Zahlen, die sich schlecht direkt vergleichen lassen. 15 Euro im Monat klingen nach wenig. Auf das Jahr gerechnet sind es 180 Euro, und bei einem Haushalt mit 1.500 Kilowattstunden entspricht das rechnerisch 12 Cent je Kilowattstunde, die zum Arbeitspreis hinzukommen.
Der erste Schritt bei jedem Vergleich ist deshalb, den Grundpreis auf ein Jahr umzurechnen: Monatsbetrag mal zwölf. Manche Anbieter nennen den Grundpreis bereits als Jahresbetrag, manche als Monatsbetrag, gelegentlich auch als Tagesbetrag. Erst wenn alle Tarife dieselbe Einheit haben, lassen sie sich nebeneinanderlegen. Wo die eigenen Werte stehen, zeigt der Beitrag zur Jahresabrechnung und ihren drei wichtigsten Zahlen.
Zwei Tarife, zwei Haushalte: ein Rechenbeispiel
Das folgende Beispiel ist ein vereinfachtes Modell mit erfundenen Preisen. Es soll den Mechanismus zeigen, nicht ein reales Angebot abbilden.
Tarif A hat einen Arbeitspreis von 33,0 Cent je Kilowattstunde und einen Grundpreis von 15,00 Euro im Monat, also 180 Euro im Jahr. Tarif B hat einen Arbeitspreis von 35,5 Cent je Kilowattstunde und einen Grundpreis von 6,00 Euro im Monat, also 72 Euro im Jahr. Auf den ersten Blick wirkt Tarif A günstiger: 2,5 Cent weniger je Kilowattstunde.
| Jahresverbrauch | Tarif A (33,0 ct + 180 €) | Tarif B (35,5 ct + 72 €) | Günstiger |
|---|---|---|---|
| 1.500 kWh | 675,00 € | 604,50 € | Tarif B um 70,50 € |
| 3.500 kWh | 1.335,00 € | 1.314,50 € | Tarif B um 20,50 € |
| 6.000 kWh | 2.160,00 € | 2.202,00 € | Tarif A um 42,00 € |
| Kipppunkt | 4.320 kWh, beide Tarife 1.605,60 € | gleich | |
Der kleine Haushalt mit 1.500 Kilowattstunden zahlt mit Tarif B rund 70 Euro weniger im Jahr, obwohl dessen Arbeitspreis höher ist. Der große Haushalt mit 6.000 Kilowattstunden fährt mit Tarif A um 42 Euro besser. Bei 3.500 Kilowattstunden, dem Verbrauch, den auch die Bundesnetzagentur für ihren Modellhaushalt ansetzt, liegen beide Tarife nur noch rund 20 Euro auseinander.
Der Kipppunkt lässt sich ausrechnen
Irgendwo zwischen 3.500 und 6.000 Kilowattstunden wechselt im Beispiel die Reihenfolge. Diesen Punkt kann man ausrechnen, ohne alle Verbrauchswerte durchzuprobieren. Die Frage lautet: Bei welchem Verbrauch gleicht der Arbeitspreis-Vorteil von Tarif A dessen Grundpreis-Nachteil aus?
Der Grundpreis-Unterschied beträgt 180 Euro minus 72 Euro, also 108 Euro im Jahr. Der Arbeitspreis-Unterschied beträgt 2,5 Cent je Kilowattstunde. Teilt man 108 Euro durch 0,025 Euro, ergibt sich ein Kipppunkt von 4.320 Kilowattstunden. Bis zu diesem Verbrauch ist Tarif B günstiger, darüber Tarif A. Genau bei 4.320 Kilowattstunden kosten beide Tarife 1.605,60 Euro.
Die Formel lautet allgemein: Grundpreis-Differenz pro Jahr geteilt durch Arbeitspreis-Differenz in Euro je Kilowattstunde. Wer seinen Jahresverbrauch kennt, sieht mit einer einzigen Rechnung, auf welcher Seite des Kipppunkts er steht. Liegt der eigene Verbrauch nahe am Kipppunkt, spielt die Wahl zwischen den beiden Tarifen kaum eine Rolle. Dann entscheiden andere Merkmale wie Laufzeit, Kündigungsfrist oder Preisgarantie.
Gesamtjahreskosten sind die einzige faire Vergleichsgröße
Aus dem Beispiel folgt eine einfache Regel: nicht Arbeitspreis mit Arbeitspreis vergleichen und nicht Grundpreis mit Grundpreis, sondern Jahreskosten mit Jahreskosten, jeweils für den eigenen Verbrauch. Vergleichsportale rechnen das in der Regel automatisch, allerdings nur so gut wie der eingegebene Verbrauch. Wer dort einen geschätzten Wert einträgt, der deutlich vom tatsächlichen abweicht, bekommt eine Rangfolge, die für den eigenen Haushalt möglicherweise nicht stimmt. Wie sich der eigene Verbrauch realistisch einordnen lässt, ist deshalb ein eigenes Thema.
Für wen das relevant ist
Besonders wichtig ist der Blick auf den Grundpreis für Haushalte mit geringem Verbrauch: Einpersonenhaushalte, Zweitwohnungen, Wohnungen, die einen Teil des Jahres leer stehen. Dort kann der Grundpreis ein Viertel der Rechnung oder mehr ausmachen, und ein Tarif mit niedrigem Grundpreis liegt trotz höherem Arbeitspreis häufig vorn.
Umgekehrt zählt für Haushalte mit hohem Verbrauch fast nur der Arbeitspreis: Familien, Haushalte mit elektrischer Warmwasserbereitung, mit Wärmepumpe oder Elektroauto. Bei 6.000 Kilowattstunden entspricht ein Cent Unterschied 60 Euro im Jahr. Da fällt ein etwas höherer Grundpreis kaum ins Gewicht.
Und schließlich lohnt sich der Blick, wenn sich der Verbrauch verändert hat. Zieht ein Kind aus oder kommt ein Elektroauto hinzu, kann ein Tarif, der früher gut passte, auf die andere Seite des Kipppunkts rutschen. Der Grundgedanke ist derselbe wie im Beitrag darüber, wie bei derselben Versorgung mehr vom eigenen Geld übrig bleiben kann: Der Verbrauch bleibt gleich, nur die Abrechnung derselben Kilowattstunden ändert sich.
Fazit
Ein niedriger Arbeitspreis ist ein gutes Zeichen, aber kein Beweis. Erst die Summe aus Verbrauch mal Arbeitspreis plus Jahresgrundpreis sagt, was ein Tarif kostet. Kleine Haushalte sollten dem Grundpreis besondere Aufmerksamkeit schenken, große dem Arbeitspreis. Wer beide Bestandteile auf ein Jahr umrechnet und den eigenen Verbrauch einsetzt, sieht in wenigen Minuten, welcher Tarif für den eigenen Haushalt vorn liegt. Das ist keine Beratung und keine Empfehlung für einen bestimmten Anbieter, sondern eine Rechnung, die jeder Haushalt selbst anstellen kann.
Quellen und fachliche Grundlage
- Verbraucherzentrale, So finden Sie den passenden Strom- oder Gastarif (Stand 2026): https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/energie/preise-tarife-anbieterwechsel/so-finden-sie-den-passenden-strom-oder-gastarif-6436
- Bundesnetzagentur, Pressemitteilung zum Lieferantenwechsel 2025 (11.03.2026): https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/20260311_SMARD.html
- Verbraucherzentrale, Was Sie bei Bonustarifen für Strom und Gas beachten sollten (Stand 2026): https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/energie/preise-tarife-anbieterwechsel/was-sie-bei-bonustarifen-fuer-strom-und-gas-beachten-sollten-6435
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